CHRISTOPH TANNERT

strudelndes liniengezücht in halbräumen



Liniengeflechte, ein ganzes Labyrinth von sich ineinander verschlingenden Bahnen, auf denen die ästhetischen Ladungsträger hin und her driften als sei die Zeit aus den Fugen, sind diese Startpisten der sich langsam, Stück für Stück selbst ankündigenden Form. Heiner Franzens Bilder und Zeichnungen ziehen ihre Kraft aus linearen Verknäulungen, angelegt ganz im Diesseits bei Kopf und Figur im Raum.
Es sind keine Veränderungserwartungen, die hier zu Papier kommen, es ist ein ständiger Prozess des permanenten, tätigen Änderns und der Neuschöpfung, in den sich der Künstler gestellt sieht.
Auf wohltuende Art und Weise wird bereits auf den ersten Blick deutlich, dass ein Künstler hier nicht aus einem inneren Ich-weiß-Bescheid-Gehabe heraus arbeitet, sondern an nichts anderem als der Form. Aber es ist keineswegs so, dass bei Franzen Stil, Formen und Attitüden im Vordergrund stehen würden. Der Künstler durchstreift und wälzt Räume im Bild permanent um, nimmt sie auseinander, setzt sie neu zusammen, als wenn das, was zu sehen ist, verborgen wäre. Diese Zeichen-Räume werden ihm dabei zur zweiten Haut, die er gezwungen ist, aufzuschneiden, sich abzuoperieren, weil sie ihn beengen, der kritischen Selbstbetrachtung entgegenstehen, Sinn verdecken.
Alle düsteren (und helleren) Prognosen über die Veränderung unserer Welt scheinenzusammengeschnurrt in unentwirrbaren Krisenszenarien, in denen der Künstler selbst haust, gleichsam in einem Klanginnenraum, in dem sich die seelischen Schwingungen der Figuren in sanften und auch heftigen Wellenbewegungen vom Hellen ins Dunkle ausbreitet.

Heiner Franzen ist nicht auf den Begriff zu bringen, und wer es versucht, der wird das Gefühl nicht los, jemanden begradigen zu wollen, der diese Behandlung nicht verträgt.
Heiner Franzen entwickelt seine Bilder und Zeichnungen in Mischtechnik. Er verwendet Gouache-, Acryl- und Ölfarbe, in den Zeichnungen zumeist Edding- und Bleistifte unterschiedlicher Härtegrade. Als Bilduntergrund kommt Plotter-Papier in Ein-Meter-Bahnen zum Einsatz, die nach dem Erarbeiten, Überarbeiten und Zerschneiden auf Leinwand geklebt werden. Es ist kein Collage-Verfahren, nach dem Heiner Franzen arbeitet, dabei durchaus ein additives Prinzip, aber eher ein Verfahren der Schichtung und Häufung, in dem bestimmte Formen wiederholt werden. Statt seine Bilder aber effektvoll aufzuladen, nimmt Heiner Franzen ihnen durch das Aus- und Zerschneiden der Papiere/der Formen das Überflüssige. So bleiben auf die Essenz reduzierte Bildkonzentrate übrig. Ein derartiges Vorgehen erinnert an den wohl wichtigsten Musikproduzenten der letzten 20 Jahre – an Rick Rubin, der in seinem Medium vergleichsweise ähnlich verfährt. Auf dem Cover seiner ersten Produktion, „Radio“ von 1985, dem Debüt von
LL Cool J, steht an Stelle des üblichen „produced by“ ein „reduced by Rick Rubin“.

Wie der Titel von Heiner Franzens aktueller Serie „Clusterville“ es unterstreicht, sind es Gebilde (engl. cluster = Traube, Bündel, Schwarm, Haufen), für die der Künstler eine behausende Einheit (frz. Ville = die Stadt) sucht bzw. in denen die Betrachter sich angenommen und geborgen fühlen sollen. Heiner Franzen arbeitet mit nachfühlbar expressiven Mitteln, die die von ihnen potenzierte pure Ausdruckskraft, die Schönheit gelebter Spiritualität volle Wirklichkeit werden lässt und gleichzeitig im Bewusstsein behält: wir sind Menschen, die die Aufklärung bejahen. Randvoll mit rätselhaft Poetischem und Inniglichem sind die temperamentvoll gearbeiteten Bilder doch keine zu Gewöllen verdichteten Herzensergießungen. Franzen schneidet rigoros ab, was im Malfluss ausflockt. Zurück bleibt nur die vom Konflikthauch umbrauste Substanz.

Franzen versteht die Zeichnung als puren Vorschlag zur Aktion. In immer neuen Stimmführungen verlängert er das Zeichnen in die Malerei hinein. Alles soll ursprünglich bleiben. Zeichnung darf bei Franzen nie den Charakter untergeordneter Vorarbeit haben, sondern will von Anfang an den Beginn des vollgültigen Werkes darstellen. Mit dialektisch prunkendem Verstand durchmisst der Künstler die linearen Verfransungen und Beklemmungszustände, solange, bis er vollends hineingerät ins Bild, bis aus der Kontaktanbahnung ein Darinwohnen und die Linie zur Nabelschnur wird, die das Außen mit dem Innen verbindet.

Wenn sich die Form meldet, kommt es zu Entbindungen von der Grobheit, zur Überwindung der Motivreste. Aus einem Halbraum zur Form entwickelt sich eine informelle Binnenstruktur,die sich Linie um Linie in unüberschaubare Begebenheiten verwandelt, Irrwanderungen unausweichlich werden lässt und das Fragmentarische wie ein anarchistisches Wundererscheinen lässt.

Franzen erfindet nicht. Der Verlauf der Linien erfindet sich selbst, er rennt mit dem Künstler davon. Er muss nur nachkommen. Irgendwo wächst ein Impuls gebender Organismus und dann fängt das Gespinst an zu leben. Manchmal tritt der Künstler als Fremder, der nach Clusterville kommt, nur deswegen an seine Papiere heran, um zu erfahren, wie es weitergeht.

Er tritt ein in seine Bilder wie in Landschaften. Wir sehen die Spuren seiner Aufenthalte, ohne dass es um die Beschreibung von Plätzen und Sehenswürdigkeiten ginge. Des Sehens würdig, und ein Ereignis (!), ist das blinde, bewusstseinsfreie, strudelnde Liniengezücht, in dem der Künstler seine, wie wir unsere Geschichten genießen können. (2007)